Rosemarie Varga: Mein Leben. Eine kleine Schule und die grosse Politik

Deutschland 1935

Ich komme aus einem liberalen jüdischen Haus und wurde evangelisch erzogen. Die ersten sieben Jahre meines Lebens verbrachte ich in meiner ‹ Urheimat› Beverungen a. d. Weser (Ostwestfalen), mit zwei längeren Unterbrüchen in der Schweiz. Dann zog meine Mutter mit mir nach München. Meine Eltern lebten seit meinem dritten Lebensjahr getrennt. Mein acht Jahre älterer Bruder ging in die Hermann-Lietz-Schule in Buchenau bei Hersfeld, meine beiden zwölf und vierzehn Jahre älteren Schwestern hatten die Schule hinter sich und waren bereits in der Berufsausbildung.

Als Hitler im Januar 1933 die Macht ergriff, war ich gerade zwölf Jahre alt und in der zweiten Klasse des Gymnasiums. Von diesem Zeitpunkt an wurde mein Leben sehr schwierig. Es war mir unmöglich, meinen Freundinnen und meiner Klasse mitzuteilen, woher ich komme. Ich fing daher an zu lügen. Ausser dem evangelischen Religionsunterricht, den ich sehr liebte, ging ich natürlich auch in den Konfirmandenunterricht, und als die Zeit der Konfirmation herankam, behauptete ich, mein Vater fände mich zu unreif zur Konfirmation! Ein halbes Jahr später, kurz nach dem Erlass der Nürnberger Gesetze (Judengesetze), flog ich von einem Tag zum andern aus der Schule, da ich keinen Ariernachweis erbringen konnte.

Das Paradies - die Ecole d'Humanité in Pont-Céard bei Genf 

Als ich am vierten Februar 1936 allein in die Schweiz nach Pont-Céard bei Versoix zu Paul und Edith Geheeb fuhr, ging für mich eine Tür ins Paradies auf. Einer der Höhepunkte dieses Paradieses war, dass die Menschen dort viel musizierten. Ich spielte seit meinem achten Lebensjahr Geige, und da ich die ersten vier Jahre eine ausgezeichnete Geigerin und Musikpädagogin als Lehrerin hatte, die auch regelmässig Konzerte in Deutschland gab, spielte ich schon sehr gut für mein Alter. Dazu spielte ich recht gut C- und F-Block-flöte, ich sang im Chor und, wenn sich eine Gelegenheit bot, auch in kleiner Besetzung oder solo.

Ich genoss es sehr, dass ich nicht mehr in einer reinen Mädchenschule war, sondern dass hier auch Buben lebten. Die langen Unterrichtsstunden, einmal sechzig und zweimal neunzig Minuten, waren mir zunächst fremd, doch lernte ich sie bald schätzen, da der Unterricht sehr abwechslungsreich gestaltet werden musste. Der Stoff sass fest, man konnte ihn nach einem Unterbruch sehr schnell abrufen.

Im Frühling 1937 hat unser damaliger Musiklehrer, Edwin Villiger, die tägliche Singgemeinde eingeführt, in der wir internationale und auch Schweizer Lieder lernten. Auch der kleine Chor machte mir grosse Freude. Ich spielte im kleinen Orchester, welches aus Querflöten, Geigen, Bratsche, Celli und Klavier bestand. In der Schulgemeinde, die straff vom Leiter (einem Schüler) und dem Protokollführer geleitet wurde, hatte ich immer Bauchschmerzen, wenn ich mich meldete und nicht sofort aufgerufen wurde. Wir hatten sehr wenige Nachmittagskurse, da es in diesem Haus nicht so viele Möglichkeiten gab. Ich hielt mich mit Freude in der Holzwerkstatt auf, was in jener Zeit relativ ungewöhnlich für ein Mädchen war. Zweimal wöchentlich hatten wir Sport, und unser Sportlehrer Madhuka lehrte uns verschiedene Ballspiele (Fussballspielen war von Paulus verboten! Ich mag es heute noch nicht) und jede Art von Leichtathletik. Er kümmerte sich auch um den täglichen Morgensport. Ich übte sicher jeden Tag eine Stunde Geige und mehr, wenn es die Zeit erlaubte.

Schon bald konnte ich auch Französisch und hatte in allen Schulfächern das Niveau meiner Altersgenoss/innen erreicht. Die Zeit in Pont-Céard war der Höhepunkt meiner schulischen Ausbildung.

Pont-Céard, Greng, Schwarzsee. Unterwegs mit den Geheebs 1939-1942

Bis im Sommer 1938 war ich während der Ferien zu meiner Mutter nach München gefahren. Meine Mutter, eine geborene Kohlberg, war eine gütige, sehr gebildete Frau, die auch gut Klavier spielte. Sie hat mir unglaublich viel für mein Leben mitgegeben. Sie war mehrmals in der Schweiz, die sie sehr liebte, in Österreich und Italien gewesen. Die übrige Welt kannte sie durch Briefkontakte mit Verwandten in vier Kontinenten. Sie war also sehr kosmopolitisch. Die Nazigefahr war ihr bewusst. Ihr Pass wurde nach Ablauf der Gültigkeit 1934 nicht verlängert. Sie wollte jedoch erst ihre Kinder in Sicherheit wissen, ehe sie selber an Auswanderung dachte, und nur dazu gab es einen neuen Pass.

Weihnachten 1938/39 waren die ersten Ferien, die ich nicht mehr nach Hause konnte. Es hatte keinen Abschied gegeben. Die Fahrt nach Deutschland war nach der Reichskristallnacht zu gefährlich geworden! Die Politik bestimmte nun mein Leben. Ich verbrachte die Ferien in einer französisch-schweizerischen Familie in Corsier bei Genf. Dort erfuhr ich vom Tod meines Vaters. Er hatte sich das Leben genommen, nachdem die Nazis die ‹Arisierung› seiner Holzwarenfabrik in Beverungen durchgesetzt und all seinen Besitz gepfändet hatten. Obwohl ich meinen Vater eigentlich nicht kannte und er auch nie sonderliches Interesse an mir gezeigt hatte, traf mich die Nachricht tief. Edith, die mir die Mitteilung am Telefon gemacht hatte, lud mich sofort auf die oberhalb Montreux gelegenen Plejaden ein, wo sie und Paulus und einige Kinder die Weihnachtsferien verbrachten. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass ich auch meine Mutter und meine Geschwister nie mehr wiedersehen würde.

Als wir am Ende der Ferien nach Pont-Céard zurückkehren wollten, verweigerte uns der dortige Vermieter unerwartet den Zugang zur Schule, so dass wir bis April in unserem Winterquartier auf den Plejaden bleiben mussten. Es waren turbulente Zeiten. Die Schule wäre von der Waadtländer Regierung, auf deren Gebiet sie jetzt unfreiwillig lag, beinahe geschlossen worden.

Schliesslich gelang es den Geheebs, einen neuen Standort für die Schule zu finden, und wir zogen im April 1939 nach Schloss Greng bei Murten. Das Schloss war ein wunderschönes Gebäude, mit Parkettböden und schmiedeeisernem Geländer im grosszügigen Treppenhaus. Die Schülerzimmer waren geräumig, und es gab helle Unterrichtsräume und Duschen im Keller. Dass das alles schwierig zu putzen war, ist ein anderes Kapitel.

Auf der Rückseite des Schlösschens war eine Freitreppe, die zum Springbrunnen führte, und daran schloss sich ein grosser Park an mit alten Bäumen, in dem sich auch Stallungen befanden. Dort im Park von Greng fand die letzte Aufführung der Schwänke von Hans Sachs statt, die wir zur Feier von Geheebs 69. Geburtstag am 10. Oktober 1939 einstudiert hatten. Zu dem Zeitpunkt war bereits Krieg, und wir teilten unser prächtiges Schloss seit der Mobilmachung der Schweizer Armee am 1. September mit 100 Sol-daten, die sich an dem Kaltwasserhahn neben den Mädchenzimmern die zähne putzten und auf Stroh im wunderschönen Spiegelsaal, den wir nicht betreten durften, schliefen. Da sich das Schloss inzwischen leider als beinahe unbeheizbar erwiesen hatte und die Geheebs auch mit den neuen Hausherren Probleme hatten, mussten wir Ende Oktober erneut umziehen.

Wir übersiedelten nach Schwarzsee ins leer stehende Hotel Du Lac, wo wir ein Jahr blieben. Der Krieg war in vollem Gange, und die meisten ausländischen Schüler und Schülerinnen hatten die Schule verlassen, indem sie auf zum Teil verschlungenen Wegen zu ihren Eltern zurückkehrten. Es blieben nur einige jüdische Kinder und ein Airdale Terrier zurück; und Nini Bausch, die mit ihren beiden Neffen (Mathias und Hans von Brauchitsch) nebenan wohnte und eine treue Mitarbeiterin bis 1950 blieb. Im Sommer 1940 waren unsere Schule so klein und die Geheebs so arm geworden, dass wir erneut umziehen mussten. Wir zogen auf die andere Seite des schönen Schwarzsees in ein kleines Chalet, welches den Naturfreunden gehörte, die es, da die Männer im Militärdienst waren, nicht benötigten. Dort blieb die Schule bis Frühling 1946.

Die prekäre äussere Situation der Schule machte es notwendig, dass vor allem wir Älteren bei allen praktischen Arbeiten mithalfen. Ich habe deshalb schon im Hotel mit Hans Rumpler, einem meiner Mitschüler, gekocht. Das war sehr lustig. Edith hatte alle über 16-Jährigen gefragt, was sie kochen konnten. Hans, der in Schloss Greng eine Kochlehre angefangen hatte, schnitt wunderbar Zwiebeln und stellte eine gute Béchamel-Sauce her, und ich, die ich zu Hause Bratkartoffeln, Spiegeleier und Ähnliches gemacht hatte, wurde ebenfalls für würdig befunden, die Küche für damals ca. 40 Menschen zu führen. Wir haben allerlei Essbares ausprobiert, bis zu Pfannkuchen (die wir in der Luft drehten), was auf den Kohlen- und Holzkochherden nicht ganz einfach war.

Das Essen, wenn auch einfach, es war ja kaum Geld vorhanden, war immer pünktlich auf dem Tisch. Diese Arbeit, obwohl sehr anstrengend, machte uns viel Spass, bis nach etwa zwei Monaten Edith fand, dass das zu viel für uns sei. Es kam nun eine Köchin, so dick wie hoch, deren Essen immer zu wenig und niemals zur Zeit auf dem Tisch war, so dass sie nach kurzer Zeit entlassen wurde. Wer dann kochte, weiss ich nicht mehr.

Im Chalet haben dann Lisbeth Hartig und ich abwechselnd gekocht, das war ja nun schon Herbst 1940, Wenig Kinder und Kein Geld. Paulus lehrte uns Wildpflanzen finden, was den Speiseplan erweiterte. Zum Heizen suchten wir Tannenzapfen, Holz durften wir nicht Sammeln, dieses war den Gemeindemitgliedern vorbehalten. Inzwischen war in der Schweiz vieles rationiert; einen Grossteil der Karten konnten wir allerdings nie einlösen, wir erhielten aber Milch und Käse von einem uns wohlgesinnten Bauern.

Wir Grossen unterrichteten die Jüngeren, und Martin Wackernagel gab vielseitigen Unterricht, wenn er da war (um Geld zu verdienen, konnte er jedes Jahr in der Ecole Internationale in Genf arbeiten), und Margery Davidson aus Ceylon (Sri Lanka) unterrichtete Englisch. Lisbeth Hartig, die aus der Odenwaldschule mitgekommen war, führte die Buchhaltung, hatte das einzige Telefon in ihrem Zimmer und kochte, was sie in ihrem Leben noch nie gemacht hatte. Ich half ihr bei der Buchhaltung, da ich ja im Schloss Greng auch Handelsfächer belegt hatte inkl. Steno, kochte, bügelte, stopfte und strickte Handschuhe und Socken für die Buben, die Holz sägten und hack-ten. Gelegentlich gab ich auch Unterricht. Das ganze Leben der Schule spielte sich in einem einzigen Raum ab, in dem wir assen, in dem ein Teil der Bibliothek stand, an mindestens einem Tisch unterrichtet wurde und der in drei offenen Stufen in die Küche führte. Von Edith lernte ich Erste Hilfe und Krankenpflege, die mir dann auch oblagen. Wir Mädchen (6-8) schliefen in einem kalten Zimmer, der Holzofen machte den Dreck bei uns und heizte bei den Buben!

Wir wussten, was jenseits der Grenzen passierte, und natürlich sorgten wir uns. Doch die Gemeinschaft trug uns; in ihr waren wir geborgen. Wir sprachen zwar nicht über unsere persönlichen Dinge, unsere Ängste und Sorgen - so was tat man damals einfach nicht -, aber wir hatten zu tun; wir waren zusammen; wir lasen und diskutierten viel und hofften auf den Sieg der Alliierten, auf den Frieden...

Aus: Eine menschliche Schule. Die Ecole d'Humanité von innen gesehen. Hans Näf (Hrsg.), Zytglogge, 2009.