Simeon Stadler über sich und sein Leben an der Ecole d'Humanité
Danke, Simeon, dass du bereit bist, ein Interview zu geben. Wer bist du? Was macht dich als Mensch aus – unabhängig von Familie oder Herkunft?
Ich bin Simeon, geboren 2010, und ich mache sehr gerne Sport. Das beschreibt mich wohl am besten.
Wenn du 2010 geboren bist, hast du deine Urgrossmutter noch kennengelernt. Hast du Erinnerungen an sie?
Teilweise, ja. Sie hat oft erzählt, wie frech meine Grossmutter in ihrer Schulzeit gewesen sei (lacht). Natürlich auch über die Ecole – daran erinnere ich mich nicht mehr so gut, aber sie erzählte, wie es damals war. Auch davon, wie sie 1936 von Deutschland in die Schweiz gekommen ist und diese Ereignisse. Sie hat auf jeden Fall nie etwas Schlechtes über die Schule gesagt.
Was sind deine ersten eigenen Erinnerungen an die Ecole?
Als ich hierhergekommen bin, fiel mir auf, wie international alles ist! Am Anfang war auch die Sprachbarriere da, ich war nicht besonders gut in Englisch. Aber man lernt es extrem schnell im Kontakt mit den Leuten hier, weil man dauernd Englisch sprechen muss.
Sprichst du im Alltag fast nur noch Englisch?
Nicht nur. Ich bin im Matura-Programm im Schweizer System, da sprechen wir natürlich Deutsch. Aber mit Kollegen spreche ich meistens Englisch – beim Mittagessen, in den Pausen, und am Abend vor allem.
Mit wem teilst du dein Zimmer?
Mit Janis, er ist Grieche. Mit ihm kann ich nur Englisch sprechen.
Wie ist dir die Ecole in den ersten dreieinhalb Monaten eingefahren?
Ich finde sie auf jeden Fall besser als die normale Schule – auch wenn das natürlich seinen Preis hat. Der ganze Campus ist gut ausgestattet, das neue Gym finde ich super, die Bibliothek schafft eine gute Arbeitsatmosphäre. Und auch die Häuser und die Kollegen, alles gefällt mir recht gut.
Das heisst du fühlst dich wohl?
Ja, sehr.
Wie kamst du überhaupt auf die Idee, an die Ecole zu kommen?
Das Thema kam erstmals vor zwei Jahren auf, in der achten Klasse auf. Ich wurde damals von der höheren Stufe in die tiefere versetzt (von der Bez in die Sek), und meine Eltern haben dann gefragt, ob die Ecole eine Option wäre. Ich wollte aber noch ein Jahr zuhause bleiben, wegen meinem besten Freund. In der neunten Klasse habe ich dann keine Lehrstelle gefunden. Es stand dann zur Debatte, ob ich das 10. Schuljahr zuhause oder hier machen soll – und ich bin dann hierhergekommen. Bis zu den Herbstferien war ich in der 10. Klasse und bin danach ins Matura-Programm gewechselt. Jetzt muss ich einfach mal schauen, wie es weitergeht – auch finanziell, denn bis zur Matura sind es fast vier Jahre. Ich würde sehr gerne bleiben.
Das bedeutet, dass du schulisch eine grosse Entwicklung gemacht hast! Nun hast du das Gefühl, dass du das Maturaniveau packst?
Ja, schon. Das einzige ist, dass manche Fächer für mich wenig Sinn machen – zum Beispiel Biologie oder Mathe, weil dort einfach gewisse Regeln gelten, ohne dass man weiss, warum. Aber Mathe mit Andreas ist super, er erklärt sehr gut, da verstehe ich vieles besser und ich glaub das packe ich. Biologie bedeutet viel Auswendiglernen, das fällt mir schwer. Geschichte und Geografie dagegen finde ich top, absolut super.
Mit wem hast du diese Fächer?
Mit Mark (Stieger) und Roman (Jaschok).
Wie unterscheidet sich die Ecole für dich von der normalen Schule?
Dort waren die Klassen viel grösser. Hier ist es individueller, das ist sehr gut. Man hat mehr Kontakt mit Lehrpersonen – auch ausserhalb des Unterrichts. Die Atmosphäre ist ganz anders. Und ich finde persönlich, es wird viel besser erklärt.
Welche Nachmittagskurse belegst du?
Seit ich im Maturaprogramm bin, nicht so viele, wir haben oft Unterricht am Nachmittag. Aber ich mache Glass Beads und Backen – Backen gefällt mir sehr. Am Anfang hatte ich mehr Kurse, auch Sport.
Kommt der Sport jetzt zu kurz?
Nein, ich gehe einfach sehr oft ins Gym. Man bringt alles unter einen Hut. Wegen der Handyregeln brauche ich mein Handy nun sehr viel weniger als zuhause – dadurch bleibt mehr Zeit, auch für Sport.
Du spielst also gerne Games?
Ja, grundsätzlich schon.
War es schwierig, hier weniger zu gamen?
Ja schon. Manchmal bin ich zu viel am Handy, aber das hat direkte Konsequenzen: Dann wird es mir weggenommen, und ich bekomme nur zwei kontrollierte Stunden pro Tag. Wir haben in unserer Ecole-Familie das Smart-Lock-System, das auf Selbstkontrolle basiert. Wenn man gegen die Regeln verstösst, wird es für etwa zehn Tage strikter gehandhabt.
Gab es für dich schon schwierige Momente oder Konflikte?
Ja, weil man so nah zusammenlebt, entstehen immer mal kleine Konflikte. Aber die lassen sich meistens gut lösen. Ich bin eigentlich nicht sehr sozial, aber hier kommt man trotzdem mit vielen Leuten in Kontakt und findet gute Freunde.
Bist du zuhause gerne allein in deinem Zimmer?
Ja, meistens.
Fehlt dir das hier nicht?
Eigentlich nicht. Ich bin gerne mit Leuten zusammen, auch wenn es manchmal herausfordernd ist. Aber hier klappt das gut.
Bravo! In ein Internat zu gehen ist nicht ohne. Hatte dich das ursprünglich abgehalten?
In der achten Klasse waren es meine Freunde, die mich zuhause gehalten haben. Seit alle in der Lehre sind, haben wir eh nicht mehr so viel Zeit miteinander. Darum macht es keinen grossen Unterschied mehr. Es war dann eher eine Geldfrage. Meine Eltern sagten zwar immer, es werde schon gehen – ich habe ihnen das nicht geglaubt. Jetzt bin ich froh, dass es möglich ist.
Hast du Zukunftspläne?
Ich möchte unbedingt die Matura abschliessen. Danach würde ich gerne Lehrer werden oder etwas in Richtung Politik machen.
Welche Fächer würdest du unterrichten?
Geschichte und Sport. Vielleicht Geografie – ich bin darin nicht gut, aber es macht mir Spass. Mal schauen, Geschichte möchte ich auf jeden Fall unterrichten später.
Du hast einmal Journalismus erwähnt.
Ja, in der achten und neunten Klasse wollte ich Journalist werden. Aber an der normalen Schule hatte ich wenig Möglichkeiten, ich war kein besonders guter Schüler und meine Noten waren nicht gut genug für ein Studium.
Jetzt ist also ein Studium in Reichweite gerückt! Aber du würdest eher Geschichte studieren?
Ja genau.
Und deine Familiengeschichte – hast du dich damit beschäftigt?
Ein wenig. Ich spreche oft mit meiner Grossmutter darüber, vor allem haben wir viel über meine Urgrossmutter, Rosemarie Varga gesprochen. Das ist einfach interessant, ich glaube nicht jede Familie hat so eine Familiengeschichte und unsere finde ich schon sehr interessant.
Und sie ist nicht ganz einfach. Hat dich das als Kind beschäftigt? Auch der Zweite Weltkrieg – hast du damals schon mitbekommen, dass deine Urgrossmutter alle ihre Angehörigen verloren hat?
Ja, diese Geschichte mit dem Zweiten Weltkrieg! Meine Urgrossmutter hatte enorm Glück, dass sie von ihrer Mutter aus Deutschland in die Schweiz geschickt wurde. Später zogen sie nach Israel und kamen dann wieder zurück. Sie wären fast nach Kanada ausgewandert – hätte diese Schule ihr nicht ein berufliches Angebot gemacht.
Was dann wohl passiert wäre… Gibt es noch etwas, das du erzählen möchtest?
Was ich unbedingt machen möchte an der Ecole: im Sport besser werden. Konstant trainieren. Und viel Skifahren. Nun freue ich mich sehr auf die Skisaison.
Kennst du das Skigebiet hier?
Ja, ich komme seit meiner Geburt jedes Jahr hierher. Ich fühle mich dort oben auf den Pisten sehr wohl.
Feiert ihr als Familie auch Weihnachten hier?
Ja, meistens. Einmal während Corona waren wir in Basel, sonst immer hier. Wir gehen auch an die Waldweihnacht.
Auch dieses Jahr?
Wahrscheinlich ja. Wir setzen manchmal ein Jahr aus, aber wir sind fast immer dabei.
Wie findest du diese Weihnachten im Wald mit den Kerzen?
Ich mag sie nicht wahnsinnig, aber es ist trotzdem schön, so etwas zu machen am Heiligabend. Am Baum Lieder zu singen ist jeweils ganz lustig.
Das war ein bunter Strauss an Eindrücken, die du mit uns geteilt hast. Herzlichen Dank!
Das Interview führte Annette Ruef am 7. Dezember 2025