Rosemarie Rose kam mit 15 Jahren zu Edith und Paul Geheeb-Cassirer nach Pont-Céard bei Versoix, weil sie 1936 in Deutschland aufgrund ihrer jüdischen Herkunft von einem Tag auf den nächsten das Gymnasium nicht mehr besuchen durfte - und weil ihre Mutter die Gefahr der Naziherrschaft voraussah.
Sie fand an der Schule zunächst ein paradiesisches Umfeld, wo sie den vielseitigen Unterricht und vor allem das Musizieren genoss. Ab Weihnachten 1938 konnte sie allerdings nicht mehr nach Deutschland reisen, und sie sollte ihre Familie nie mehr wiedersehen. In ihren Erinnerungen beschreibt Rosmarie eindrücklich, wie beherzt sie als junge Frau sehr bald mithalf, die Schule durch die Kriegsjahre zu tragen.
Erst nach dem Krieg erfuhr sie, was mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern geschehen war, die alle dem Holocaust zum Opfer gefallen waren. Danach konnte sie ihre geliebte Geige nicht mehr spielen und auch getanzt hat sie nie mehr. Nach mehreren Jahren in Palästina und Israel und dem beschwerlichen Versuch, nach dem Krieg in Deutschland eine Existenz aufzubauen, kam Rosemarie mit ihrem Mann Niklaus (Miklos) Varga nach Goldern. Hier sollten die beiden schliesslich bleiben, und hier wuchs ihre Tochter Nurit auf, die während ihrer Zeit in Israel geboren worden war. Dank Niklaus Varga als Geschäftsführer wurde die Ecole in den folgenden Jahren auf solide Beine gestellt. Ende der 1960er Jahre konnten drei neue Häuser, das Max Cassirer, das Ost-und Westhaus fertig gestellt werden. Rosemarie war es, welche 1980 das erste Ehemaligentreffen veranstaltete.
Was für ein Leben! Rosemarie beschreibt eindrücklich, wie die Ecole-Gemeinschaft während des zweiten Weltkriegs Geborgenheit verlieh:
"Wir wussten, was jenseits der Grenzen passierte, und natürlich sorgten wir uns. Doch die Gemeinschaft trug uns; in ihr waren wir geborgen. Wir sprachen zwar nicht über unsere persönlichen Dinge, unsere Ängste und Sorgen - so was tat man damals einfach nicht -, aber wir hatten zu tun; wir waren zusammen; wir lasen und diskutierten viel und hofften auf den Sieg der Alliierten, auf den Frieden..."
Der Blick in unser Heute zeigt wieder eine Welt im Aufruhr. Wir sind aufgefordert, ähnlich mutig zu handeln und anpacken zu helfen wie Rosemarie und ihre Gefährtinnen und Gefährten damals. Alle können an ihrem Ort, auf ihre Weise, mit der Art von tiefem Mitgefühl und Liebe handeln, die uns als Menschen über alle Zeiten, Orte und Kulturen verbindet.
Möge die Ecole d'Humanité in friedlichen wie in stürmischen Zeiten Geborgenheit bieten - Now and Forever.
Wir wünschen eine dankbare 2. Adventswoche!
Als junger Seminarabgänger wollte ich die ecole erleben, als eine Schule weitab von Norm-Schulen.
Ich vereinbarte mitten im Winter ein Treffen, um die Schule kennen zu lernen. Ich reiste also nach Brüning um mit dem Postauto nach Geldern zu fahren. Ich erkundigte mich: Wann fährt das nächste Postauto. Der Schalterbeamte lachte laut heraus: Die Strasse ist zugeschneit. Also ging ich zur Telefonzelle und telefonierte in das "Ecole-Bureau" Frau Varga war am Telefon. "Ja da kann ich ihnen nicht helfen, zu uns zu kommen. Es gibt zwei Möglichkeiten. Bis zur Wasserfluh gibt es ein Geländefahrzeugtransport. Von dort aus weiter müssen sie uns zu Fuss finden. Es sind etwa 2 km. Die andere Möglichkeit: Sie kehren nach Hause zurück. Auf Wiederhören!" Ich ergriff die 1. Möglichkeit. Von Wasserwendi nach Goldern war ein schmal gepfadeter Durchgang. Ich war mit modernen Ledersohlen-Stadtschuhen ausgerüstet. Gemütlich gehen war absolut ausgeschlossen. Ich schritt, glitt und fiel hinunter zur ecole. "Guten Tag junger Mann. Jetzt brauchen sie einen Kaffee". Das war die kurzgefasste, gutgemeinte Begrüssung von Frau Varga. So begann meine ecole-Zeit im Jahr 1967/68 unter besten Voraussetzungen, nämlich ein Abenteuer versprechend.